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Türkische Wurzeln, griechische Erfahrungen

Ceyda HosCulture Clash, 2024, Erlebnis, Länder & Sitten 4 Comments

Türkische Wurzeln, griechische Erfahrungen

Mein Blick auf Zypern
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19. Januar 2024

Eine Insel, Zwei Welten

Grenzen überwinden

,,Deine Freundin ist türkisch, oder?" Da war sie wieder. Diese eine Aussage, die zwar auf dem ersten Blick recht unspektakulär und einfach nur neugierig erscheint, aber für mich eine meiner prägendsten Erlebnisse meines Aufenthaltes auf Zypern darstellt. Aber bevor ich genauer auf die Gründe eingehe, erstmal ein paar Hintergrundfakten über mich: Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und komme aus einer liberal-geprägten türkischen Familie. Während ich mein Auslandssemester in Finnland verbracht habe, habe ich mich für mein Praktikum für Zypern entschieden. Zypern als Zielland war eine spontane Entscheidung und so nicht geplant, aber die Stellenanzeige für das Praktikum hatte mich sehr angesprochen sowie die Möglichkeit, zwei komplett unterschiedliche Länder und Kulturen in einem kurzen Zeitraum kennenzulernen - vom kalten Norden in die warme Mittelmeerregion. Darüber, dass es für mich in die griechisch-geprägte Hälfte der Insel geht - Zypern ist seit 1974 in 2 Seiten geteilt, wobei der Süden unter griechischen, und der Norden unter türkischem Einfluss ist -, habe ich mir vor meinem Aufenthalt keine allzu großen Gedanken darüber gemacht. Ich war einfach neugierig und aufgeregt, eine neue Kultur kennenzulernen und bereit, mich nach Finnland in ein neues Abenteuer zu stürzen.

Dieses Abenteuer umfasste nicht nur wunderschöne Erlebnisse und Erinnerungen, die mich mein Leben lang begleiten werden, sondern auch einige sonderbare Situationen, ausgelöst durch meine türkischen Wurzeln.

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,,Deine Freundin ist türkisch, oder?"

Kommen wir nun zu der Situation, die ich bereits am Anfang erwähnt hatte und der ich mich nun widmen möchte. Ich habe in meiner Praktikumsstelle eine sehr gute Freundin kennengelernt, mit der ich in meiner Freizeit sehr viel unternommen habe. Als wir eines Abends wie gewöhnlich nach der Arbeit noch am Hafen unterwegs waren, erzählte sie mir, dass sie sich noch mit jemanden treffen wollte, besser gesagt: verabredet war. Ich begleitete sie zum Treffpunkt, wo sie bereits erwartet wurde. Ihre Verabredung - ein einheimischer Zypriot -, begrüßte uns und ich bemerkte, dass er mich im Dunkeln zu mustern versuchte. Er fragte mich nach meiner Herkunft und ich antwortete ihm, dass ich aus Deutschland komme. Da mir klar war, dass es sich bei ihm um einen Einheimischen handelt, wollte ich bei dieser Frage nicht auf meinen türkischen Hintergrund eingehen, da ich es hierbei bevorzugte ein bisschen vorsichtiger zu sein. Im Ernstfall weiß man ja nie, wie jemand reagieren könnte und ich hatte immerhin kaum eine Ahnung, wie es tatsächlich vor Ort aussah, wenn sich das Thema um die Trennung der Insel handelte. Abschließend bot er mir an, mich mitzunehmen und nachhause zu fahren, welches ich höflich verneinte. Dies war die gesamte Konversation, die wir geführt hatten. Als ich am darauffolgenden Tag mich bei meiner Freundin erkundigte, wie ihr Abend verlaufen war, erzählte sie mir, dass er, sobald sie losfuhren, fragte, ob ich türkisch sei. Als sie mir dies erzählte war ich verwundert und kaum in der Lage zu verstehen, wie er das sofort erkennen konnte - obwohl er mich nur wenige Minuten im Dunkeln gesehen hatte, meinen Namen nicht wusste und wir kaum paar Worte miteinander gewechselt hatten. Erwähnenswert hierzu ist, dass ich aus persönlichen Erfahrungen berichten kann, dass selten jemand meinen Hintergrund richtig errät und sehr oft überrascht reagiert wird, wenn ich sage, dass meine Wurzeln in der Türkei liegen. Nachdem ich meine Freundin mehrmals gefragt hatte, ob sie mir auch wirklich die Wahrheit sagt und sie mir dies immer wieder aufs Neue bestätigte, sagte sie mir, dass er ihr noch anschließend einiges an familiärem erzählte, wie beispielsweise, dass sein Großvater im Zypern Krieg mitzog und seine Familienmitglieder sich während des Kriegsgeschehens gezwungen sahen, in den griechisch geprägten Süden zu fliehen. Meiner Freundin war es sehr wichtig zu betonen, dass er, während er die Geschehnisse über seine Familie erzählt hatte, in dem Moment keineswegs Hass oder Zorn verspürte, sondern er sich schlichtweg daran erinnert fühlte, nachdem er mich sah.

"Wir fordern Gerechtigkeit!"

Meine Freundin und ich liefen nach einem anstrengenden Arbeitstag Richtung Hafen und diskutierten währenddessen darüber, in welches Restaurant wir wir wohl gehen wollten, um zu Abend zu essen. Vertieft in das Gespräch bekamen wir nicht viel um uns herum mit, als jedoch ein kleines Mädchen plötzlich auf uns zu kam und uns jeweils ein Flyer in die Hand drückte, schauten wir dementsprechend recht verwirrt, ehe sie auch schon wortlos in die Richtung anderer Menschenmengen verschwunden war. Ich betrachtete den Flyer und bemerkte, dass die Vorderseite auf Griechisch und die Rückseite auf Englisch bedruckt war. Während ich den englischen Text überflog, fing ich an zu verstehen, was die Worte vor mir eigentlich bedeuteten. Es handelte sich darum, dass Zypern das erste europäische Land seit dem 2. Weltkrieg ist, welches besetzt wurde, das einzig geteilte Land in Europa. Griechisch - Zypriotischer Besitz unter der Kontrolle von Türken. Also um das alles mal zusammenzufassen - wir landeten inmitten eines Events, in welcher Gerechtigkeit für die griechische Bevölkerung Zyperns gefordert wurde. Links von uns befanden sich Aufstelltafeln mit Fakten zur Historie des Landes, als Sitzmöglichkeit wurden vor uns Stühle in geordneten Reihen aufgestellt, da auf das gegenüberliegende Gebäude ein Dokumentarfilm projiziert wurde. Mir wurde auf einmal mulmig zumute und für einen Moment wusste ich nicht, was ich von dieser Situation halten sollte. Ich kannte die für mich wichtigsten historischen Ereignisse Zyperns, jedoch nicht alle Einzelheiten. Mir war fraglich, ob ich überhaupt alle Fakten richtig im Kopf hatte, da gefühlt jeder etwas anderes über die Teilung berichtete. Aufgrund dessen, dass ich einige Male den türkischen Norden besucht und mich dort mit Einheimischen unterhalten hatte, war es aus meiner Sicht gar nicht möglich, für eine von zwei Seiten Partei zu ergreifen, genauer gesagt in Schutz zu nehmen. Vor der Teilung hatte sowohl die griechische als auch die türkische Bevölkerung friedlich zusammengelebt, bis sich durch das Einmischen anderer Länder die Situation so zugespitzt hatte, dass es zur Trennung beider Seiten kam. Da der Norden international als ,,von der Türkei illegal besetzt" gilt, gilt die türkische Bevölkerung Zyperns stets im Verruf.
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Flyer des Events
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"Der blutige Norden"

    ,,Du kommst doch nicht aus Deutschland, oder?"

    An meinem letzten Tag auf Zypern beschlossen wir, noch ein letztes Mal gemeinsam auf eine Party zu gehen. Wir gingen in eine der angesagtesten Beach Bars der Stadt, in welcher wir uns in die Menge der feierwütigen Menschen quetschten und versuchten, ein freies Plätzchen für uns zu finden. Die Stimmung war ausgelassen und trotz der erstickend schwülen Hitze und der Masse an Menschen amüsierten wir uns an dem Abend und hatten eine gute Zeit - wir tanzten, tranken und ich ließ so meinen letzten Abend auf Zypern ausklingen. Als uns nach Mitternacht allmählich die Puste ausging und die Füße vom stundenlangen Tanzen und Stehen weh taten, beschlossen wir, uns ein Taxi zu rufen und nachhause zu fahren. Auf dem Weg zum Ausgang der Bar wartete ich auf meine Freundin, die auf dem Weg durch die Tanzfläche von jemanden aufgehalten wurde, und wurde währenddessen von einem Typen angesprochen. Wir hatten schon vorher paar Worte gewechselt und nun fingen wir an, belanglos über verschiedenes zu sprechen - so gut es natürlich ging über die Lautstärke der Musik. Er betrachtete mich neugierig während des Gesprächs und fragte mich nach meiner Herkunft. Ich antwortete ihm standardmäßig, dass ich aus Deutschland sei, und sofort zogen sich überrascht seine Augenbrauen in die Höhe. ,,Du kommst doch nicht aus Deutschland, oder?", fragte er mich erstaunt. Ich bejahte es und fragte ihn, warum er so überrascht war. Daraufhin erwiderte er, dass ich doch südländisch aussehe und er daher vermutete, ich käme aus der Mittelmeerregion. Da ich seine Herkunft in diesem Moment nicht einschätzen konnte, habe ich versucht, die Situation humorvoll zu überbrücken und war schließlich dankbar, dass er nicht weiter auf meine Herkunft einging.

    Abschließend möchte ich noch sagen, dass diese Erlebnisse keinesfalls für meinen gesamten Aufenthalt auf Zypern sprechen! Ich hatte zwar noch einige ähnliche Situationen, die unangenehm waren bezüglich meiner türkischen Herkunft, habe mich aber deshalb keinesfalls jemals bedroht oder unsicher gefühlt.

    Zypern - und vor allem die Küstenstadt Limassol, in der ich gelebt habe -, ist sehr multi-kulturell geprägt mit Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern. Ich habe während meines Aufenthaltes so viele verschiedene Menschen kennengelernt und bin sowohl auf der Nord-, als auch auf der Südhälfte stets auf freundliche und hilfsbereite Menschen gestoßen.

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    Türkische Süßspeisen
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    Küstenstadt Girne, gr. Kyrenia

      Meine Zeit auf Zypern war eine unvergessliche Lebenserfahrung und die Insel ist einfach atemberaubend in seiner Kultur und naturellen Vielfalt.

      Zypern hat für jeden was zu bieten - sei es für Naturliebhaber, Partygänger, historisch Interessierte, Abenteuerfans oder einfach ein Mix aus allem!

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      Kommentare 4

      1. Sehr schön gemacht Ceyda! Deine Geschichten sind sehr spannend geschrieben. Es freut mich ,dass du trotz allem eine schöne Zeit auf der griechischen Seite hattest. Weiter so!

      2. Woooow, wie wunderschön geschrieben!! Wirklich sehr authentisch und nachvollziehbar, danke dass du uns so mit reingenommen hast in dein Abenteuer! Lese gerne noch mehr von dir!

      3. War wirklich sehr interessant über deine Erfahrung in Zypern zu lesen Ceyda, vorallem weil es so gut und nachvollziehbar geschrieben wurde. Weiter so! 🙂

      4. I really enjoyed reading this article because it is very well written and engaging when you start reading it you want to know what happens next. The photos are very well chosen. A big congratulations to the writer. 🙂

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